Worldbuilding in fiktiver Literatur – und was ‚Formgebende Mechaniken‘ damit zu tun haben

Mathias Dambacher, 14.01.2024

Willkommen zurück auf meinem Autoren-Blog!

Heute möchte ich für alle interessierten Leser und/oder zukünftigen Autoren ein wenig von meinen Erfahrungen teilen, die ich auf meinem Weg als Autor bisher so gesammelt habe 👍.

Worum soll es heute also gehen?

Worldbuilding – das Herz eures fiktiven Romans

Jede unvergessliche Science-Fiction-Welt (und auch andere Welten aus den Phantastik-Genres) beginnt mit dem kraftvollen Akt des Worldbuildings – dem sorgfältigen Erschaffen einer eigenen Realität, die die Leserinnen und Leser in ihren Bann ziehen soll.

Warum also genau habe ich so viel Zeit auf den Prozess des Worldbuildings „verschwendet“ (und warum war diese Zeit keineswegs wirkich verschwendet 😉):

  • Glaubwürdige und immersive Umgebung: Das Worldbuilding ermöglicht es, eine reiche, detaillierte und glaubwürdige Welt zu erschaffen, in die Leser eintauchen können. Eine gut konstruierte Welt trägt zur Authentizität der Erzählung bei und hilft, die Leser zu fesseln, indem sie ihnen ein Gefühl des Eintauchens in eine andere Realität vermittelt.
  • Konsistenz und Logik: Eine sorgfältig gestaltete Welt folgt ihren eigenen Regeln und Logiken, was für die innere Konsistenz der Geschichte wichtig ist. Dies beinhaltet Aspekte wie Geographie, Geschichte, Kultur, Gesellschaftsstrukturen, Technologie und Magiesysteme. Konsistenz in diesen Elementen trägt dazu bei, Verwirrung beim Leser zu vermeiden und die Glaubwürdigkeit der Handlung zu erhöhen.
  • Charakterentwicklung und Handlung: Das Worldbuilding beeinflusst sowohl die Entwicklung der Charaktere als auch den Verlauf der Handlung. Die Welt, in der die Charaktere leben, formt ihre Identitäten, Überzeugungen und Verhaltensweisen. Ebenso können bestimmte Aspekte der Welt – wie politische Konflikte, geographische Besonderheiten oder soziale Normen – wesentliche Treiber der Handlung sein.
  • Themen und Botschaften vermitteln: Eine gut gestaltete Welt kann auch als Werkzeug dienen, um tiefere Themen und Botschaften zu vermitteln. Durch die Schaffung bestimmter Welten oder Gesellschaften können Autoren Kommentare zu realen Problemen wie Umweltzerstörung, politische Systeme oder menschliche Natur abgeben.
  • Unterscheidung und Originalität: Ein kreatives und originelles Worldbuilding kann dazu beitragen, dass sich ein Werk von anderen abhebt. Besonders in Genres wie Fantasy und Science-Fiction, wo neue Welten häufig im Mittelpunkt stehen, kann eine einzigartige und gut ausgearbeitete Welt einem Buch zu einem unverwechselbaren Charakter verhelfen.
  • Leserbindung: Eine faszinierende Welt kann Leser dazu bringen, tiefer in das Universum des Buches einzutauchen, was wiederum zu einer stärkeren Bindung an die Serie oder den Autor führen kann. Fans engagieren sich oft über das Buch hinaus, indem sie Fan-Fiction schreiben, an Diskussionen teilnehmen oder Kunstwerke erstellen, die auf der Welt des Buches basieren.

Wie ihr schon seht, gibt man im Rahmen des Worldbuildings den Rahmen für komplette Nachfolgende Geschichte vor.

In diesem komplexen Prozess der Welterschaffung sind die „Formgebenden Mechaniken“ – oder auch „Gestaltungsmechanismen“ um es etwas einfacher zu nennen – ein wesentliches und integrales Element, das eine Geschichte von einer einfachen Erzählung in ein lebendiges, atmendes Universum verwandelt.

Frank Herberts legendäre „Dune“-Serie ist ein tolles Beispiel dafür, wie solche Mechaniken nicht nur eine Welt formen, sondern auch die Art und Weise prägen, wie wir als Publikum mit ihr interagieren und sie erleben.

Tauchen wir also in die faszinierende Welt des Worldbuildings ein und erforschen, wie Gestaltungsmechanismen genutzt werden können, um eindrucksvolle und bleibende Welten in der Science-Fiction-Literatur zu erschaffen.

Was meine ich mit Gestaltungsmechanismen?

Gestaltungsmechanismen – auch wenn sie einem nicht unmittelbar auffallen; dafür sind sie nämlich gedacht, sind ein zentraler Bestandteil des Worldbuildings, die Autoren nutzen, um das Fundament und die Dynamik ihrer fiktiven Welten zu definieren. Sie sind mehr als nur Hintergrunddetails; sie sind die treibenden Kräfte, die die einzigartigen Aspekte einer Welt formen und ihren Charakter prägen.

In Frank Herberts „Dune“ beispielsweise sind die persönlichen Schutzschilde ein perfektes Beispiel für effektive Gestaltungsmechanismen.

Diese Schilde machen herkömmliche Schusswaffen nutzlos und verlagern den Schwerpunkt auf den Nahkampf, was zu einer Welt führt, in der traditionelle Kampftechniken und Schwertkunst wieder in den Vordergrund treten. Diese Mechanik beeinflusst nicht nur die Art und Weise, wie Konflikte ausgefochten werden, sondern hat auch tiefgreifende Auswirkungen auf die Kultur und die politische Struktur der Gesellschaft in „Dune“.

Kriegerische Ehre und persönliche Fähigkeiten im Kampf gewinnen an Bedeutung, was wiederum die soziale Hierarchie und die Beziehungen zwischen den verschiedenen Fraktionen beeinflusst.

In meiner Geschichte „Der weiße Planet“ habe ich mich beispielsweise dazu entschlossen, dass sämtliche Daten, Informationen und Berechtigtigungen der Bürger der „Neuen Welt“ auf einem ID-Chip hinterlegt sind, den die Menschen implementiert im Körper tragen. Das führt dazu, dass es eigentlich unmöglich ist vor den Soldaten der VKA Geheimnisse zu haben. Dieses Element verändert die Weise, wie die Menschen ihre Welt sehen, welche Möglichkeiten sich für sie auftun oder auch, welche ihnen verschlossen bleiben. Alles wissenswerte zu einer Person ist eigentlich immer abrufbar – wobei die Betonung auf ‚eigentlich‘ liegt.

Gestaltungsmechanismen helfen also dabei, eine reichere und tiefere Welt zu schaffen, indem sie die Leser ermutigen, über die unmittelbaren Implikationen der Geschichte hinaus zu denken. Wenn in „Dune“ die Schutzschilde eingeführt werden, beginnt der Leser automatisch zu spekulieren, wie sich diese Technologie auf andere Aspekte des täglichen Lebens auswirkt, von der Architektur bis hin zur Freizeitgestaltung. In meiner Welt frägt sich der Leser automatisch ob ein solcher eminenter Eingriff in die Privatsphäre nicht zu weit geht und wozu die Regierung überhaupt eine solch umfassende Kontrolle benötigt. Dies trägt dazu bei, eine umfassendere und greifbarere Welt zu erschaffen, in der die Leser ihre eigene Vorstellungskraft einbringen können.

Die Balance zwischen Information und Geheimnis

Die Balance zwischen dem, was in einer Geschichte erklärt wird, und dem, was der Vorstellungskraft der Leser überlassen bleibt, ist ein wesentliches Element des erfolgreichen Worldbuildings. Diese Balance zu meistern, ist eine Kunst, die den Unterschied zwischen einer guten und einer großartigen fiktiven Welt ausmachen kann. Zu viele Details und Erklärungen können die Magie und das Mysterium einer Welt zerstören, während zu wenige Informationen die Leser verwirren und von der Geschichte entfremden können.

Ein geschickter Autor weiß, wann es Zeit ist, Details zu enthüllen und wann es besser ist, Dinge unausgesprochen zu lassen. Die Herausforderung besteht darin, genug Informationen zu geben, um ein solides Verständnis der Welt und ihrer Funktionsweise zu ermöglichen, ohne jedoch so viel zu verraten, dass keine Fragen mehr offenbleiben. Es ist dieses Gefühl des Unbekannten, das Neugier und Spekulation anregt und die Leser dazu bringt, sich aktiv an der Konstruktion der Welt zu beteiligen.

Diese Strategie erzeugt eine dynamische Beziehung zwischen dem Autor und dem Leser. Indem der Autor bewusst Lücken in der Geschichte lässt, lädt er den Leser ein, diese mit seiner eigenen Vorstellungskraft zu füllen. Dieser partizipative Aspekt des Lesens erhöht das Engagement und lässt die Welt für den Leser lebendiger und persönlicher erscheinen.

Dabei ist es jedoch wichtig, dass das Finden dieser Balance kein einmaliges Ereignis ist, sondern ein fortlaufender Prozess, der sich über die gesamte Geschichte erstreckt. Autoren müssen ständig abwägen, wie viel sie preisgeben und wie viel sie im Dunkeln lassen. Dies erfordert ein tiefes Verständnis ihrer Welt und ihrer Leser. Wenn dies erfolgreich umgesetzt wird, entsteht eine Welt, die nicht nur während des Lesens fasziniert, sondern auch darüber hinaus im Geist und Herzen der Leser weiterlebt.

Anregung der Leserfantasie

Ich habe mich selber während der Ausarbeitung meiner Ideen und des Plots über eine lange Zeit hinweg mit den Grundlegenden Funktionen der Gesellschaft beschäftigt, welche ich in „Der weiße Planet“ für die Leser geschaffen habe.

Diese Mechanismen fordern den Autor heraus, sich intensiv mit jedem Detail seiner Welt auseinanderzusetzen, von der Geographie und Geschichte bis hin zu den sozialen und kulturellen Normen. Diese tiefgreifende Beschäftigung ist entscheidend, um ein Leseerlebnis zu schaffen, das den Leser vollständig in die Geschichte eintauchen lässt. 

Diese Mechanismen dienen auch dazu, eine narrative Schichtung zu erzeugen, bei der jede Ebene der Geschichte eine neue Facette der Welt offenbart. Sie ermöglichen es dem Autor, Informationen strategisch zurückzuhalten und sie im Laufe der Erzählung allmählich zu enthüllen, was Spannung und Interesse aufrechterhält. Dieser schrittweise Enthüllungsprozess ist ein Schlüsselelement, um die Neugier der Leser wachzuhalten und sie dazu zu bewegen, weiterzulesen.

Darüber hinaus aktivieren Gestaltungsmechanismen die Fantasie der Leser auf eine Weise, die über das bloße Lesen der Worte auf der Seite hinausgeht. Indem sie den Lesern Raum geben, ihre eigenen Vorstellungen und Hypothesen über die Welt und ihre Geheimnisse zu entwickeln, schaffen sie eine tiefere Verbindung zur Geschichte. Diese partizipative Komponente des Lesens ist besonders mächtig, da sie die Leser nicht nur zu Konsumenten der Geschichte macht, sondern zu aktiven Teilnehmern in der Geschichte.